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UX Remote MethodenLesedauer: 7 min.Autorin: Julia Schneider

Remote User Testing


Unsere UX-Expertin Julia verfügt über 16 Jahre Berufserfahrung im Bereich Media System Design & UX. Diese wertvollen Erfahrungen setzt sie erfolgreich in umfangreichen Kundenprojekten bei EXXETA sowie in der Selbständigkeit ein.


 

User Testing ist ein wichtiges Werkzeug im User Experience Design. Hiermit wird die Gebrauchstauglichkeit digitaler Produkte oder ihrer Bestandteile überprüft.
Je nach Projektphase und Testziel können verschiedene Testverfahren eingesetzt werden.
Grundsätzlich ist es sinnvoll, schon sehr früh im Projektverlauf mit Usertests in einem geeigneten Format zu beginnen: Je früher man testet, desto einfacher können Schwächen oder Fehler gefunden und korrigiert werden.

 

Unsere Kollegin und UX-Expertin Julia gibt in diesem Hack einen Einblick in User Testing im Projektablauf und eine Einführung in die Methode „Moderiertes User Testing“.
Aufbauend auf ihrer Erfahrung in zahlreichen Kundenprojekten hat Julia einige nützliche Tipps zusammengestellt, um auch in der aktuellen Situation User Testings erfolgreich remote durchzuführen.


Je früher man testet, desto einfacher können Schwächen oder Fehler gefunden und korrigiert werden.


 

Warum User Testing?

Erfolgreiche Produkte gezielt auf den User zuschneiden.

Wie auch im privaten Alltag unterliegen wir bei der Entwicklung digitaler Produkte häufig unseren subjektiven Wahrnehmungen und sehen uns als Maß aller Dinge. Nicht selten sind wir dann überrascht, dass die für uns klaren Überlegungen beim Nutzer anders verstanden werden. Darum ist das regelmäßige User Testing zur Objektivierung und zur fundierten Entscheidungsfindung so wichtig. Im Idealfall sind die User bereits von Beginn an in das Projekt zur Erstellung digitaler Produkte involviert. So arbeiten wir nicht nur am Erfolg des zu entwickelnden Produktes, sondern auch gleichzeitig am Erfolg des Projektablaufes.

Anforderungen:

Durch Beobachtung, Interview oder Analyse des Userverhaltens werden wichtige Erkenntnisse gesammelt, die häufig sogar Innovationspotential haben. Das Verständnis für die Bedürfnisse des Users wird geschärft, Ideen und Anforderungen bspw. durch Card-Sorting abgeleitet.

Prototypen:

In die­ser Pha­se der Pro­jekt­ent­wick­lung ent­ste­hen hand­fes­te Ent­wür­fe bzw. Pro­to­ty­pen zur Idee oder auch zu kon­kre­ten Be­dien­ab­läu­fen. Die­se soll­ten be­reits auf Lo­gik, Ver­ständ­nis und Usability vom User ab­ge­prüft wer­den. So wer­den früh­zei­tig Feh­ler ent­deckt, das Kon­zept wei­ter ge­schärft und das De­sign schritt­wei­se bzw. ite­ra­tiv fi­na­li­siert. Das be­deu­tet aber auch, dass der Ent­wick­lungs­pro­zess re­gel­mä­ßig im ge­sam­ten Pro­jek­t­ab­lauf von bspw. moderierten User Testings (sie­he un­ten) be­glei­tet wer­den soll­te.

Am Anfang wird mit sehr einfachen Protoypen mit einem hohen Abstraktionsgrad getestet. Um die Vorstellung der Testperson dennoch ausreichend zu unterstützen, müssen einige Abläufe zusätzlich erklärt werden. Später kommen Click-Dummies mit fertigem UI-Design zum Einsatz. Am Ende der Projektentwicklung werden bereits fertig entwickelte Funktionen in der Testumgebung geprüft.

Weiterentwicklung:

Nach der Markteinführung sollte das User Testing nicht als beendet angesehen werden. Im laufenden Betrieb sind weitere Tests bspw. mit Hilfe von Analyse-Tools, A-B-Tests etc. nötig, um das Produkt flexibel an Marktveränderungen oder natürliche Verschiebungen der User-Erwartungen anzupassen und zu optimieren.

Moderiertes User Testing

Ablauf und klassische Grundregeln

Das moderierte User Testing ist eine der etablierten qualitativen Test-Methoden, die bei korrekter Anwendung durchaus solide Resultate liefert. Es braucht allerdings einige Erfahrung und methodisches Vorgehen. Als Einstieg folgt hier eine kurze Übersicht über den Testablauf.

Im Vorfeld müssen das Testobjekt erstellt und die Testpersonen rekrutiert werden:

  • Es eignen sich je nach Reife des Projektes handskizzierte Scribbles, interaktive Prototypen bzw. Simulationen oder auch fertig gestellte Produkte wie Apps, Webseiten, Bedienoberflächen an Geräten etc.
  • Als Faustregel gilt: 5 bis 7 Testpersonen sind ausreichend, um die wichtigsten Probleme und Optimierungspotentiale zu erkennen.[1]

 


[1]  Laut der Studie „Why you only need to test with 5 users“ (2000) werden 80% der Usability-Probleme bereits von 5 Testern aufgedeckt.   http://www.useit.com/alertbox/20000319.html

Allgemein dauert ein klassisches User-Testing-Projekt 3 bis 4 Tage und durchläuft 3 Phasen:

1. Vorbereitungsphase

In der Vorbereitungsphase (1 bis 2 Tage) werden die Testaufgaben und das Testskript ausgearbeitet. Die Ziele, die mit dem Test verfolgt werden sollen, müssen klar formuliert werden.


In welcher Form die Erkenntnisse an die Entwickler zurückgespielt werden sollen, beeinflusst ebenfalls die Art der Protokollierung und Auswertung.


Ein Testlauf sollte unbedingt durchgeführt werden, denn ein schlecht funktionierender Prototyp und unverständliche Aufgaben können das Testergebnis wertlos machen.

2. Durchführungsphase

In der Durchführungsphase (1 Tag) liegt das Augenmerk auf der Durchführung des Tests bzw. auf dessen Moderation. Nachdem sich der Moderator kurz vorgestellt und eine Einführung gegeben hat, beginnt der Test. Hier gilt: Die Testperson kann nichts verkehrt machen! Alles, was sich nicht optimal anfühlt, ist ein Problem am Testobjekt und der Schlüssel zur Optimierung. Das sollte unbedingt in der Vorstellung klar formuliert werden. Es empfiehlt sich, neben Moderator und Testperson einen Protokollanten bzw. einen Beobachter hinzuziehen oder gar das Testing per Videoaufnahme zusätzlich zu dokumentieren.

Durch die Methode des Lauten Denkens können zudem wertvolle Zusatzinformationen gewonnen werden. Dieses Vorgehen scheint den Testpersonen häufig erst einmal unnatürlich, ist aber elementar für aussagekräftige Testergebnisse. Während des gesamten Tests sprechen nur der Moderator und die Testperson. Alle anderen Fragen sollten erst am Schluss gestellt werden, damit der Test nicht unterbrochen wird. Auch Suggestivfragen, die die Testperson in eine bestimmte Richtung lenken, beeinflussen das Testergebnis und sollten deshalb unterlassen werden.

3. Analysephase

In der Analysephase (1 Tag) werden die Mitschriften, Mitschnitte bzw. Beobachtungen zusammengetragen. Auch hier ist Vorsicht geboten, damit keine voreiligen Schlüsse auf Grundlage einzelner Aussagen gezogen werden. Aus dieser Phase werden nun die Verbesserungen nach Größe des Aufwandes abgewogen und an die Entwicklungsteams weitergereicht. Neben Kritik sind positive Aussagen über das Testobjekt für das Team motivationsstärkend und sollten an dieser Stelle nicht vergessen werden.

Remote Testing

Besondere Umstände erfordern besondere Maßnahmen

Bisher haben wir bei EXXETA das User Testing als eine wichtige persönliche Begegnung mit der Testperson verstanden, um die größtmögliche Empathie und das Verständnis für den User auch während des Projektablaufes zu erhalten. Wir unterstützen und organisieren für unsere Kunden professionelle User-Tests der entsprechenden Zielgruppen und in typischen Kontexten. Zusätzlich haben wir eine interne Plattform institutionalisiert, auf der wir alle 6 Wochen Testing Sessions mit unseren Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichsten Methoden veranstalten. So können auch kleinere Features getestet oder größere Fragen im Expertenkreis diskutiert werden.

Doch was kann man machen, wenn die Testpersonen nicht mehr vor Ort sein können? Im Einsatz bei unseren Kunden erproben wir aktuell, wie das moderierte User Testing auch remote mit entsprechenden Tools weiterlaufen kann, ohne den bisherigen flüssigen Projektablauf zu bremsen.

Dabei behalten alle oben genannten klassischen Regeln auch remote ihre Gültigkeit, wenn sie nicht sogar methodisch an Wichtigkeit gewinnen.


Wir un­ter­stüt­zen und or­ga­ni­sie­ren für un­se­re Kun­den pro­fes­sio­nel­le User-Tests der ent­spre­chen­den Ziel­grup­pen und in ty­pi­schen Kon­tex­ten.


 

Unsere 7 Tipps zum moderierten Remote User Testing

1. Die richtige Toolauswahl

Mit diesem Überblick erheben wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit bezüglich der genannten Tools. Je nach Sicherheitsanspruch (bspw. Datenschutz), Ziel, Bediengewohnheiten und unternehmerischen bzw. rechtlichen Vorgaben muss ihr Einsatz individuell und situativ abgewogen werden. Die Fragestellungen sollen lediglich als eine Entscheidungshilfe dienen.

Prototyp erstellen und zum Test anbieten:

Muss sich die Testperson erst registrieren, um den Prototypen testen zu dürfen oder reicht ein Link aus, der vom Moderator geteilt wird? Wie hoch ist der Aufwand für die Erstellung des Prototypen? Welche interaktive Qualität soll der Prototyp haben? Wie sicher sind die Daten? Erfüllt der Server der Testumgebung die europäischen Standards? Gibt es weitere Auswertungsmöglichkeiten oder eine visuelle Analysemöglichkeit bspw. der Klickpfade oder anhand einer Heatmap?
Bei einem unserer Kunden haben wir Quant-UX (OpenSource) genutzt. Als Alternative empfehlen wir InVision oder AxureRP.

Kommunikationsplattform für Audio, Video und Bildschirm teilen:

Welches Tool wird bisher genutzt? Welchen Funktionsumfang soll es haben (Audio, Video, Datenaustausch etc.)? Auch hier stellt sich die berechtigte Frage nach der Datensicherheit: Wie sicher sind die Daten? Erfüllt das Tool die europäischen Standards? Gibt es Möglichkeiten, Gäste einzuladen?
Wir nutzen wegen der hohen Datensicherheit vorwiegend Microsoft Teams und Skype. Alternativ gibt es Cisco WebEx, Google Hangouts etc.

Bildschirmaufnahme:

Je nach Kom­ple­xi­tät und Ziel des Tests emp­fiehlt es sich, den Test per Vi­deo zu pro­to­kol­lie­ren. So kön­nen im Nach­gang De­tail­fra­gen noch ein­mal über­prüft wer­den. Wel­ches For­mat soll das Vi­deo ha­ben? Soll Au­dio und Vi­deo auf­ge­nom­men wer­den oder reicht eine sim­ple Bild­schirm­auf­nah­me?
Da Mi­cro­soft Teams auch die Funk­ti­on „Be­spre­chungs­auf­zeich­nun­gen“ an­bie­tet, nut­zen wir Teams. Die Funk­ti­on wird al­ler­dings nur an­ge­bo­ten, wenn die ent­spre­chen­den Be­rech­ti­gun­gen für die User ge­setzt sind. Al­ter­na­tiv kann der Quick­ti­me Play­er ge­nutzt wer­den.

2. Technische Grundausstattung

Schon beim Recruiting sollte auf die technische Grundausstattung eingegangen werden. Hierbei sind vor allem ein Headset sowie eine hinreichende Geschwindigkeit der Internetverbindung aller Beteiligten (Moderator, Protokollant bzw. Testperson) zu prüfen. Der Einsatz von mehr Technik und Tools bedarf umso dringender einem technischen Testlauf in der Vorbereitungsphase.

    3. Das Testscript

    Beim Remote Testing ist die Beobachtung der non-verbalen Kommunikation stark eingeschränkt. Umso sensibler muss der Moderator auf Verhaltensbrüche der Testperson eingehen. Daher sollte der Moderator besonders gut vorbereitet sein, damit das Testscript (klare Zielformulierungen, logischer Ablauf der Fragen und Aufgaben) gut durch das Testing führt. Es empfiehlt sich deshalb, für die Vorbereitung mehr Zeit einzuplanen.

    4. Bedienungsgewohnheiten

    Je nach Prototyp-Tool können am Bildschirm auch Oberflächen für andere Devices getestet werden. Hierbei sind die unterschiedlichen Bedienungsgewohnheiten (Swipen, Mouseclick vs. Touch, Keyboards mit verschiedene Tastenanordnungen etc.) zu beachten und Abweichungen am Anfang klar zu kommunizieren.

    5. Videochat

    Der Testvorgang ist schon im Testlabor eine ungewohnte Situation, die an eine Prüfung der eigenen Person erinnert. Durch den Aufbau einer persönlichen Verbindung zwischen Testperson und Moderator können persönliche Barrieren und Ängste bereits am Anfang abgebaut werden. Darum sollte zumindest die persönliche Vorstellung, die Einführung und Erklärung des Vorgehens per Videochat stattfinden.

    6. Stummschaltung

    Wie auch in anderen Remote-Gesprächen sollten sich der Protokollant oder andere Beobachter stumm schalten. Auch hier gilt: Während des Tests sprechen nur Moderator und Testperson. Zusätzliche Fragen können am Schluss gestellt werden. So werden Nebengeräusche minimiert und das Testing wird nicht unterbrochen.

    7. Lautes Denken und verbales Feedback

    Wenn das Testing stockt, sollte die Testperson zum Lauten Denken animiert werden. Was sieht die Testperson? Was denkt sie? Jedoch sollte der Moderator sich nicht verleiten lassen, beeinflussende Hinweise zu geben oder Suggestivfragen zu stellen. Als sehr hilfreich hat sich außerdem stetiges verbales Feedback (wie „ok“, „ja“ etc.) durch den Moderator erwiesen. Der Testperson wird so signalisiert, dass sie die volle Aufmerksamkeit des Moderators hat und die technische Verbindung funktioniert.

     

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